Steinigungen – wenn der Rechtsstaat nicht funktioniert

Polizei – die Grundlage eines jeden Rechtsstaates. Und bisher hatte ich den Eindruck, dass dies hier recht gut funktioniert: So kontrolliert die Verkehrspolizei in Mwanza jeden Tag unermüdlich kaputte Autos, überladene Daladalas und zu schnell fahrende Motorräder. Auch ist sie durchaus hilfsbereit – so wurden wir einmal auf der Fahrt nach Dar es Salaam aus einem Bus herausgeschmissen, weil dieser kaputt war. Ein Polizist, den wir um Hilfe baten, organisierte uns kurzerhand Plätze in einem anderen Bus – und das für 12 Leute.

Doch scheint bei der Polizei nicht immer alles zu stimmen, so höre ich oft von Korruption, auf Zanzibar wurden wir selbst nach Geld gefragt, als der Polizist bemängelte, unser Auto wäre überladen, und insbesondere, was Verbrechen betrifft, scheint kein Verlass auf die Polizei zu sein – als ich einem Freund erzählte, dass man bei uns die Polizei ruft, wenn etwas passiert, reagierte er ganz verblüfft.

Und nur so lässt sich das schreckliche Ereigniss verstehen, dass wir letzte Woche miterleben mussten. Es war nachmittags kurz vor 16 Uhr – wir wollten, bevor wir nach Hause aufbrechen, noch ein paar Kleinigkeiten in einem Supermarkt besorgen. Auf dem Weg dorthin gab es plötzlich einen Menschenauflauf, wir wussten, es musste etwas passiert sein. Bloß was? Alex, der mit uns lief, klärte uns auf: Mwizi! Ein Dieb! Und tatsächlich, inmitten der Menschenmasse lag der mutmaßliche Dieb – blutüberströmt und ohnmächtig. Uns wurde erklärt: Er hatte ein Handy geklaut und nun seine Strafe bekommen. Ich hatte keine Lust, mir das weiter anzusehen und ging weiter zum Supermarkt.

Auf dem Rückweg sah ich einen blutverschmierten, handballgroßen Stein auf der Straße liegen, dann kam mir ein Mann mit einem noch größeren, noch „frischem“ Stein entgegen – und erst jetzt wurde mir wirklich klar, was passiert war. Anscheinend hatte dieser Mann ein Handy geklaut, wurde erwischt, ist abgehauen, wurde aber dann von der Menschenmasse gefangen und mitten auf der Straße gesteinigt. Mir wurde schlecht… Ich hatte schon mehrmals von Steinigungen gehört, dachte aber immer, das gäbe es höchstens in der hinterletzten Provinz, aber doch nicht in einer Großstadt wie Mwanza! Ich hatte mich wohl getäuscht.

Und in noch etwas hatte ich mich getäuscht: Ich dachte, der Mann wäre bereits tot. So erschrak ich mich ungeheurlich, als er wenig später plötzlich vor mir auftauchte (wir waren zum Schockverdauen zum Kaffeetrinken gegangen) und nach Wasser fragte. Ich war völlig perplex, wusste nicht wie ich reagieren sollte, doch wurde zum Glück schnell erlöst, als der Mann weiterging. Ich überlegte mir, was ich tun sollte, und sprach mit einem Mann, der mit mir auf der Kaffeebank saß. Dieser war genauso angewidert und verurteilte das ganze sehr, sah jedoch keine Chance mehr für den Dieb. Denn selbst wenn ihn die Menschen in Ruhe lassen würden, hätte er wohl kaum Chancen zu überleben: schwer verletzt, ohne jegliches Geld und vermutlich auch ohne Verwandte oder Freunde, die sich um ihn kümmern würden… Doch der Gedanke, dass der Tod für ihn jetzt wohl das beste wäre, widerte mich an und ich lehnte ihn ab. Helfen konnte ich ihm dennoch nicht…

Den restlichen Tag war ich gedanklich bei dem Dieb: Warum geschieht so etwas? Warum wird ein Mann, der ein Handy klaut, mit so einem brutalen Tod bestraft? Und warum gibt es dann überhaupt noch Diebe, wenn die Bestrafung doch so drastisch ist? Und so langsam glaube ich, habe ich die Zusammenhänge verstanden, die ich versuche, hier wieder zu geben:

Wie bereits gesagt, scheint auf die Polizei wenig Verlass zu sein, insbesondere wenn es um Straftaten geht. Ob das wirklich so stimmt, kann ich aus eigener Erfahrung nicht sagen, mir wurde jedoch viel erzählt und auch dieses Ereignis bestätigt die Vermutung. Da die Leute also keine Hilfe von Seiten der Polizei erwarten, helfen sie sich wohl selbst: So entsteht diese Selbstjustiz, die Menschen tötet, die ein Handy klauen. Und dies zeigt mir, wie gut wir es doch haben und wie wichtig die Polizei ist – viele Leute in Deutschland stören sich nur an der Polizei, regen sich über sie auf („Ich hab schon wieder einen Strafzettel!“) oder sehen sie fast als Feinde an – doch ohne sie gäbe es eben nicht eine Welt, in der wir machen und lassen können, was wir wollen, im Gegenteil, die Strafen wären weitaus drastischer. Vielleicht sollte sich das ein selbsternannter „Anarchist“ aus Deutschland mal durch den Kopf gehen lassen…

So stellte sich aber die andere Frage: Warum so etwas tun, wenn doch das Leben auf dem Spiel steht? Warum wird geklaut? Doch als mir unsere Chefin am nächsten Tag erklärte, dass sie nur Alten und Behinderten Geld geben dürfe, weil andere irgendwo angestellt wären und die Arbeit schwänzen, um betteln zu gehen, wurde mir klar: Dieser Mann hatte schlicht keine Alternative und hätte er die Wahl gehabt, hätte er sich wohl für etwas anderes entschieden. Einen Job hatte er wohl nicht, Unterstützung von Armen in irgendeiner Form gibt es auch nicht, und selbst betteln darf man nur, wenn man alt und zerbrechlich ist oder eine Behinderung hat. Hat man dann auch keine Familie, die einen unterstützt, so hat man wirklich nur die Wahl zwischen Klauen und Verhungern – und diese Erkenntnis war für mich die wirklich schockierende.

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2 Antworten zu Steinigungen – wenn der Rechtsstaat nicht funktioniert

  1. DJ Maez schreibt:

    ich find das immer wieder heftig zu lesen. ganz beängstigend, wie sich die kurzzeitige aggression der masse ein menschenleben ausknipsen kann und danach alles wieder seinen gewohnten lauf nimmt, die eigendynamik des „menschenschwarms“ hat den dieb einfach verschluckt. mit welchem selbstverständnis bewegt man sich in einer solchen gesellschaft? welche subtilen gefühle werden durch steinigung eines (eher ungefährlichen) straftäters noch ausgedrückt? ist die selbstjustiz am ende nur der vorwand unter dem eigentlich ganz andere emotionen abreagiert werden?
    pass auf dich auf 😉
    gruß mathias

  2. Marlene schreibt:

    Puh, ganz schön heftig. Das Problem ist meiner Meinung nach aber nicht die Selbstjustiz (klar bin ich da auch gegen, und es ist gut, dass wir eine Polizei haben), sondern die Härte der Bestrafung. Dass das bei uns anders läuft, liegt nämlich nicht an der Polizei, sondern der Wertebasis. Schließlich gilt: Legal ist, was legitim ist, ergo was das Volk legitimiert. Daher leben wir auch alle wie selbstverständlich nach dem Gesetz, ohne es jemals gelesen zu haben. Es gibt ja auch Staaten, in denen so heftige Bestrafungen rechtens sind (Singapore…).
    Ich denke, dass die Todesstrafe als Vergeltung für Diebstahl ein Ausdruck von Armut ist: Reiche Gesellschaften können es sich leisten, postmaterialistisch zu denken (Leben ist wertvoller als Besitz). In armen Ländern wird teilweise das Leben, insb. bestimmter Personen, im Vergleich nicht als so wertvoll erachtet.
    Wenn es hier Selbstjustiz gäbe, glaube ich kaum, dass jemand einen qualvoll umbringen würde, weil er ihm sein Auto klaut – wohl aber vielleicht, wenn er seine Tochter vergewaltigt und tötet…

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